Die ganze Arbeit kann hier als PDF heruntergeladen werden (via Online-Reihe Networx)

1 Die erdrückende Mehrzahl deutschsprachiger (auch wissenschaftlicher) Texte verwendet das generische Maskulinum zur Referenz auf beide Geschlechter, d. h. Frauen sind in den maskulinen Personenbezeichnungen und Pronomina jeweils ›mitgemeint‹ (vgl. Bußmann 2008, 224 f.). Als Gegengewicht zu dieser sehr problematischen Praxis verwende ich in dieser Lizentiatsarbeit das generische Femininum.

Kontext

Ende 2012 / Anfang 2013 entstand im Rahmen meines Studienabschlusses am Deutschen Seminar der Universität Zürich die Lizentiatsarbeit »Texte gestalten – Texte markieren«. Auszüge aus der Arbeit finden Sie / findest Du auf dieser Website. Die Arbeit ist in der Online-Reihe Networx erschienen und kann hier in voller Länge als PDF heruntergeladen werden.

Einleitung

»Zwischen 9 und 16 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in den Ländern West- und Mitteleuropas können nicht richtig lesen und schreiben«, hält Joachim Günter Anfang April 2013 in der NZZ fest (Güntner 2013, 37). Diese als funktionale Analphabetinnen und Analphabeten bezeichnete Bevölkerungsschicht hat es schwer in der modernen Industriegesellschaft, in der Schrift unausweichlich geworden ist (vgl. Dürscheid 2012, 265). Für die übrigen 84 bis 91 Prozent der Menschen in den Ländern West- und Mitteleuropas hingegen gehört lesen und schreiben ganz selbstverständlich zum Alltag – wir sind umgeben von Text (vgl. Dürscheid 2007, 3) und bewältigen die Flut schriftsprachlicher Anforderungen meist unbewusst. Dabei sind die Leistungen, die wir beim Lesen und Schreiben erbringen, von solcher Komplexität, dass sie sich trotz jahrzehntelanger intensiver Forschung verschiedenster Disziplinen einem umfassenden Verständnis und einer abschliessenden Beschreibung noch immer entziehen. Was genau geschieht, wenn ein Text – im Sinne eines komplexen sprachlichen Gebildes – entsteht, ist ebenso unklar, wie die Vorgänge, die sich im Kopf einer Leserin [1] abspielen, bisher ungewiss sind. An Theorien und Modellen mangelt es nicht, sie alle haben aber mit der Schwierigkeit zu kämpfen, dass vieles, was sich beim Schreiben und Lesen abspielt, im Verborgenen geschieht. Es lässt sich zwar problemlos beobachten, wie die Spitze eines Bleistiftes über die Oberfläche eines Blatt Papiers gleitet, oder wie die Finger einer Autorin über die Tastatur eilen, was sich vor der konkreten Verschriftung im Kopf der Schreiberin abspielt, bleibt aber unsichtbar. Noch akuter ist dieses Problem bei der Lektüre: Seit sich das stille Lesen etabliert hat (vgl. Manguel 2008, 71 ff.), sind von der Lektüre nur noch die Bewegungen der Pupillen der Leserin als sichtbare Zeichen übrig geblieben. Im scharfen Kontrast zu dieser Unsichtbarkeit von Schreib- und Leseprozessen steht die Materialität des Textes.

Die sichtbare (und oft auch haptisch erfahrbare) Textoberfläche fungiert nicht nur als Scharnier zwischen Produktion und Rezeption, sondern – so meine erste These – in ihr werden auch eigentlich unsichtbare mentale Vorgänge greifbar. Dieser These liegt ein Verständnis von Text zu Grunde, das sich wesentlich von der vortheoretischen Vorstellung eines Textes unterscheidet. Während es sich bei einem Text im Alltagsverständnis um ein statisches Objekt – z.B. Tinte auf einem Blatt Papier – handelt, verstehe ich darunter ein dynamisches Gebilde, das in einen Kontext eingebunden ist, eine ›Biografie‹ besitzt und sich während seines ›Lebens‹ mehrfach verflüchtigt und wieder materialisiert. Ich gehe davon aus, dass Texte nie abgeschlossene ›Produkte‹ sind, sondern sich auch nach Abschluss des Schreibprozesses immer wieder – bei jeder Lektüre – verändern. Das hängt damit zusammen, dass die Rezipientin einem Text nicht einfach Informationen ›entnimmt‹, die die Produzentin dort ›hinterlegt‹ hat. Das, was die Autorin schreibt, ist nie dasselbe, wie das, was die Leserin liest, und beides unterscheidet sich von dem, was ›objektiv‹ auf dem Papier steht (also von dem Textobjekt). In einem ersten, theoretisch angelegten Kapitel erläutere ich meine Vorstellung von Text näher und verknüpfe sie mit bestehenden wissenschaftlichen Konzepten und Modellen. Da es mir um Texte im Kommunikationszusammenhang geht, lässt sich das Verständnis von Text, das ich etablieren möchte, nicht ohne weiteres auf das gesamte ›Textuniversum‹, also auf jede Art von Text, anwenden. Die Aussagen, die ich im Laufe dieser Arbeit mache, und die Erkenntnisse, die ich zu gewinnen hoffe, beziehen sich auf die Textsorte geisteswissenschaftlicher Aufsatz. Am Schluss des ersten Kapitels gehe ich deswegen noch auf grundsätzliche Fragen zu Textsorten ein und benenne die Kriterien, die mir für die Zugehörigkeit eines Textes zur Sorte geisteswissenschaftlicher Aufsatz als konstitutiv erscheinen.

Nach den sehr allgemeinen Überlegungen im ersten Kapitel widme ich mich im zweiten der konkreten, prototypischen ›Biografie‹ der untersuchten Textsorte. Ich befasse mich mit der Textproduktion, die von Standardproblemsituationen ausgeht und für die die Technik des Source Reading wichtig ist. Unter Source Reading versteht man – wie ich zeigen werde – eine Lektüreart, in der Texte, die sich in denselben Diskurs einordnen lassen, als Quellen für ein eigenes (Text)Projekt genutzt werden. Im zweiten Teil des zweiten Kapitels werfe ich einen Blick auf die Textgestaltung und mache darauf aufmerksam, dass geisteswissenschaftliche Aufsätze meist nicht von derselben Person geschrieben und gestaltet werden. Zum Schluss des zweiten Kapitels befasse ich mich mit der Textrezeption und werde zeigen, dass sich bei geisteswissenschaftlichen Aufsätzen der Text, den die Rezipientin liest, wesentlich von jenem, den die Autorin geschrieben hat, unterscheidet. Bei jeder Lektüre entsteht eine neue Version des Textes (ein anderes Kommunikat), aber niemals jene, die die Autorin zu Papier bringen wollte.

Diese Differenz zwischen mentalem Autorinnentext und mentalen Rezipientinnentexten findet – so meine zweite These – ihre Entsprechung in einer primären und einer sekundären Textgestalt. Um diese These zu plausibilisieren, fokussiere ich im dritten Kapitel auf die primäre Textgestalt, gehe also ganz konkret auf Aussehen und Entstehung geisteswissenschaftlicher Aufsätze ein. Kapitel 3 beginnt mit einer Beschreibung der prototypischen Gestalt geisteswissenschaftlicher Aufsätze. Davon ausgehend zeige ich, wie diese Gestalt zustande kommt. Anhand typografischer Handbücher und einer Reihe von Style-Sheets werde ich nachweisen, dass die primäre Gestalt dieser Text­sorte wesentlich bestimmt wird durch typografische Normen.

Fluchtpunkt dieser Normen beziehungsweise der Ideale, auf denen sie beruhen, ist, wie ich in Kapitel 4 ausführen werde, immer die Leserin. Die Metatypografie, die sich mit der ›optimalen‹ Gestalt von Texten befasst, hat Lesbarkeit und Leserlichkeit zu ihren Leitbegriffen erkoren – ohne klar zwischen den beiden zu unterscheiden. Dabei ist es für die Antizipation des Leseprozesses entscheidend, ob nur jene Aspekte Beachtung finden, die direkt mit der Wahrnehmung während der Lektüre zu tun haben (und die der Begriff Leserlichkeit einschliesst), oder ob darüber hinaus auch die Interpretationsprozesse (auf die Lesbarkeit unter anderem referiert) interessieren. Nach theoretischen und definitorischen Überlegungen zur Rolle der Typografie gehe ich im zweiten Teil des vierten Kapitels auf konkrete Optimierungsbestrebungen bzgl. Lesbarkeit einerseits und Leserlichkeit andererseits ein. Ich zeige, auf Grund welcher Daten und Überlegungen Typografinnen, Rezeptionsforscherinnen und neuerdings auch Linguistinnen welche primäre Gestalt(-ung) für die ideale halten. Allen gemeinsam ist der Versuch, die Lektüre zu lenken, d. h. die Rezipientinnentexte möglichst an die Autorinnentexte anzunähern.

Unabhängig davon welche Mittel die Typografinnen einsetzen, die Leserinnen geisteswissenschaftlicher Aufsätze lassen sich – so meine dritte These – in ihrer Lektüre nie zuverlässig steuern. Um diese dritte These zu plausibilisieren, werde ich im fünften Kapitel die Spuren, die die Leserinnen während der Lektüre hinterlassen, betrachten. Seit Jahrhunderten bearbeiten Textrezipientinnen während des Lesens die Textoberfläche, in dem sie selbst Text hinzufügen oder Markierungen anbringen. Diese Textbearbeitungen, die sich gemeinsam mit dem ursprünglichen, primären Aussehen des Textes zu einer sekundären Textgestalt zusammenfügen, werden – wie ich in einem kurzen Forschungsüberblick zeige – zwar seit einigen Jahren von verschiedenen Wissenschaftsrichtungen intensiv untersucht, nicht aber mit Blick auf ihr Potenzial für die Rezeptionsforschung. Insbesondere die Markierungen, die eine Rezipientin anbringt (und die ich von Marginalien abgrenze), sind jedoch direkter Ausdruck von Leseprozessen. Im Gegensatz zur primären Textgestalt, die wesentlich durch typografische Normen bestimmt ist, existieren kaum konkrete Normen zum Annotieren und Markieren von geisteswissenschaftlichen Aufsätzen. Es handelt sich um Techniken, die sich die Leserinnen weitgehend autonom aneignen. Da sie im Hinblick auf die Manifestation von Leseprozessen bisher kaum untersucht ist, werde ich im dritten Teil des fünften Kapitels festhalten, welche konkreten Formen des Markierens sich in vier ausgewählten Textbeispielen finden. Im Rahmen eines Exkurses soll dabei auch auf die Zukunft des Markierens und Annotierens in einer digitalisierten Welt angesprochen werden.

Nachdem ich durch die Beschreibung von Erscheinung und Entstehung sowohl der primären (Kapitel 3 und 4) als auch der sekundären Textgestalt (Kapitel 5) plausibel gemacht habe, dass die Gestalten Ausdruck ansonsten unsichtbarer Prozesse sind, komme ich in Kapitel 6 auf die zweite und dritte These zurück. Eine Verbindung der primären Textgestalt, die Ausdruck eines durch Normen und Ideale gesteuerten Produktionsprozesses ist, mit der sekundären Gestalt, in der sich der ansonsten unsichtbare Rezipientinnentext manifestiert, wird belegen, dass sich der Text der Autorin (bzw. der Gestalterin) und der der Leserin bei geisteswissenschaftlichen Aufsätzen unterscheiden. Die sekundäre Textgestalt folgt nicht einfach der primären und zeichnet diese nach, sondern unterscheidet sich z. T. wesentlich in der Hervorhebung einzelner Textteile und -bereiche. Die Differenz zwischen den Textgestalten bildet die Differenz zwischen Autorinnentext und Rezipientinnentexten ab und weist darauf hin, dass die Bemühungen von Gestalterinnen, den Leseprozess bei geisteswissenschaftlichen Aufsätzen durch gestalterische Mittel zu steuern, nur begrenzt funktionieren.

Im abschliessenden siebten Kapitel werde ich versuchen, den grossen Bogen, den ich in dieser Einleitung öffne, wieder zu schliessen: Die Ergebnisse werden zueinander in Beziehung gesetzt und in einen grösseren forschungstheoretischen Kontext eingeordnet. Zudem werde ich aufzeigen, in welche Richtungen auf Grundlage der gewonnenen methodischen und inhaltlichen Erkenntnisse weitergeforscht werden könnte. Das wissenschaftliche Potenzial, das mit Blick auf die Lese- und Schreibforschung in markierten Texten steckt, kann in einer Arbeit wie der vorliegenden nur angedeutet werden.

 

Literatur

Bußmann, Hadumod (2008) (Hg.): Lexikon der Sprachwissenschaft. Vierte, durchgesehene und bibliographisch ergänzte Auflage unter Mitarbeit von Hartmut Lauffer. Stuttgart: Kröner.

Dürscheid, Christa (2012): Einführung in die Schriftlinguistik. Mit einem Kapitel zur Typographie von Jürgen Spitzmüller. 4., überarbeitete und aktualisierte Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht (= UTB 3740).

Dürscheid, Christa (2007): Texte aus kommunikativ-pragmatischer Sicht. In: Zeitschrift für Angewandte Linguistik (ZfAL) 46, 3–18.

Güntner, Joachim (2013): Kollateralschaden. Der funktionale Analphabetismus. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 75, 2. April 2013, 37.

Manguel, Alberto (2008): Eine Geschichte des Lesens. Aus dem Englischen von Chris Hirte. Frankfurt am Main: Fischer.